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Mediensymposium zur Zukunft des Fernsehens

Am 17. Januar 2014 fand in der Siemensvilla in Berlin-Lankwitz ein hochkarätiges Mediensymposium statt mit dem Titel "WINTERCAMPUS 2014 – TV der Zukunft“. Dabei ging es um Geschäftsmodelle, Macher und Inhalte rund um das Bewegtbild in der digitalen Welt. Veranstalter war die BSP Business School Berlin in Kooperation mit den in der Hauptstadtregion führenden Branchennetzwerken media.connect brandenburg und media.net berlinbrandenburg, dieses Mal mit freundlicher Unterstützung der medienboard berlin brandenburg GmbH. 

Das diesjährige Thema „TV der Zukunft“ schien einen Nerv getroffen zu haben. Rund 80 Branchenvertreter aus Medienunternehmen und rund 100 Studierende nahmen am WINTERCAMPUS teil. Das rege Interesse mag auch daran gelegen haben, dass es kein klares Bild auf die TV-Entwicklung gibt. Einerseits hat sich die durchschnittliche TV-Nutzungsdauer deutlich erhöht und schrieb im Januar 2014 mit 225 Minuten pro Tag einen neuer Rekord. Andererseits zeigt die ARD/ZDF-Onlinestudie in 2013 dramatische Verwerfungen in der TV-Nutzung junger Menschen. Die 14-29jährigen verbringen fast doppelt so viel Zeit mit dem Internet als mit dem Fernseher. Die Nutzung von audiovisuellen Inhalten scheint sich also zunehmend vom stationären TV in das Internet zu verlagern. Dieses widersprüchliche und nebulöse Bild sollte im Laufe des WINTERCAMPUS mit Hilfe von hochkarätigen Experten aufgehellt werden.

Die Sicht des Nutzers
Zu Beginn des Symposiums ging es um die Sicht des Nutzers. Viele strategische Planungen und Geschäftsmodelle im Medienbereich berücksichtigen die Bedürfnisse und charakterlichen Eigenarten der Nutzer nicht hinreichend. Darüber berichtete der international tätige Medienforscher, Medienpsychologe und Medienberater Jo Groebel. Jo Groebel stellte in seinem Vortrag „Nutzertypologien, Nutzerverhalten und Nutzeransprüche für das TV von morgen“ seine neue Studie zur TV-Nutzung vor. Er machte ein ganz neues Potenzial an Nutzern transparent. Die sogenannten „Technikaffinen“ und „selektiven“ Nutzer bilden mit über 21 Millionen Bundesdeutschen eine völlig neue TV-Generation, die nicht mehr an das stationäre TV gebunden sind und TV eher als soziale, interaktive Veranstaltung begreifen. Für die klassischen TV-Finanzierungsformen taucht – so Jo Groebel – das völlig ungelöste Problem einer massiven Werbeskepsis und Werbeabwehr bei den Nutzern auf.

Die Sicht der Produzenten
Das von Jo Groebel gezeichnete Bild bestätigte zumindest teilweise Ernst Feiler, Technologiechef bei UFA SERIAL DRAMA, in seinem Vortrag „New TV aus Sicht des Produzenten“. UFA SERIAL DRAMA ist europäischer Marktführer im Bereich der täglichen Serien. Ernst Feiler kümmert sich um die Integration neuer Technologien und Distributionsplattformen in den industriellen Serien-Produktionsprozessen. Er versuchte den Teilnehmern die Frage zu beantworten, was die digitalen Plattformen für gewachsene TV-Producer bedeuten. Er machte zwar deutlich, dass die klassische Rezeption durchaus noch funktioniert und funktionieren wird. Allerdings – so seine Botschaft – müssten Produktionsprozesse mit den Mitteln der Digitalisierung viel konsequenter optimiert werden. Der Produzent sollte sich stärker mit digitaler Crossmediadistribution befassen.

Die Sicht der Politik
Der dritte Referent des Symposiums Dr. Hans Hege ist Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) und behandelte die Sicht der Politik: Wo liegen „Chancen und Grenzen von Regulierung für Bewegtbild in der digitalen Welt“? Die mabb ist als Anstalt des öffentlichen Rechts auch für die Regulierung zuständig. Regulierung bedeutet primär die Verteilung knapper Übertragungsressourcen und Kontrolle von Medienmacht durch Zulassung und Lizenzüberwachung der privaten Rundfunkveranstalter. Knappe Ressourcen gibt es aber nicht mehr; der Rundfunkbegriff ändert sich grundlegend. Hat Regulierung also noch eine Zukunft? Dr. Hege beschrieb einen Wandel im Selbstverständnis der Regulierer. Wichtige Themen sind aus seiner Sicht die Netzneutralität, Fragen des Jugend- und Verbraucherschutzes im Medienbereich und ein fairer Wettbewerb für Medienbetreiber, auch im Internet. Die Aufgabe der Politik wird zukünftig auch deutlich stärker im Bereich der Information und der Förderung von Innovationen liegen.

Die neuen TV-Plattformen

Nach den Expertenstatements kamen auf dem Symposium diejenigen zu Wort, die die neuen digitalen Bewegtbildplattformen betreiben.

Magine
Magine wurde vertreten von der erfahrenen Medienmanagerin Friederike Behrends, die für den schwedischen Online-TV-Dienstleister Magine sämtliche Aktivitäten auf dem deutschen Markt verantwortet. Magine streamt das Programm über WLAN und Mobilfunknetz auf mobile Geräte. Dieser neue Dienst ermöglicht auch zeitversetztes Fernsehen ("Timeshift"). Derzeit läuft in Deutschland die Beta-Phase von Magine, soll aber noch in diesem Jahr mit einem abofinanzierten Modell in den Regelbetrieb.

joizTV
Christian Grospitz ist Chefredakteur bei joizTV. joiz ist ein privater Schweizer „Social-TV“-Fernsehsender für ein jüngeres Zielpublikum und seit 2011 auf Sendung. Joiz finanziert sich vor allem aus Werbung. Die Zuschauer können während der Sendungen via Facebook, Twitter, Instagram oder auch Skype mit dem Sender in Kontakt treten. Ihre Kommentare und Fragen werden dann je nach Format live in die Sendung geholt, an Gäste weitergegeben oder direkt beantwortet. joiz lebt von Werbefinanzierung. Das Wissen über die Zuschauer, das diese selbst preisgeben, lässt sich zur zielgruppengenauen Werbung oder auch zur Feinsteuerung der Programmausrichtung nutzen. Dass dieses Wissen über die Zielgruppe für die Werbewirtschaft interessant ist, sich also aus der Internet-Währung kombiniert mit TV andere Möglichkeiten ergeben als bei der klassischen Quotenmessung, darauf basiert das Zukunftsmodell von joiz.

Zattoo
Der dritte „Macher“ auf dem WINTERCAMPUS war Jörg Meyer, Vice President im Bereich Content and Consumer bei Zattoo. Er vertrat auf dem Symposium die Ansicht, dass lineare TV Inhalte auch in einem vom Internet geprägten Medienumfeld absolute Relevanz besitzen. Der Erfolg von Zattoo ist aus seiner Sicht der Beweis dafür. Zattoo ist eine Software zur Übertragung von Fernseh- und Radiokanälen über das Internet. Zattoo ermöglicht es unabhängig vom TV-Gerät fern zu schauen. Das Geschäftsmodell besteht aus einer Mischform von Werbefinanzierung und Abo.

Fazit des WINTERCAMPUS 2014

Auch der WINTERCAMPUS konnte kein sicheres Bild der TV-Zukunft vermittelt. Es wurde zwar deutlich, dass die neue Nutzergeneration völlig neue Ansprüche an die Verfügbarkeit, Individualität und Interaktivität zukünftiger Contentangebote stellt. Gleichwohl scheinen sich auch die gewachsenen Medienbetreiber und -akteure in großen Teilen auf den neuen Wettbewerb von digitalen TV-Plattformen einzustellen. Klar ist: TV muss künftig als digitale Bewegtbilddistribution begriffen werden. Die klassische Werbefinanzierung wird in der neuen Nutzergeneration nicht mehr tragfähig sein. Auf der anderen Seite verlangen die Nutzer auch auf den digitalen Plattformen zunehmend professionell und intelligent produzierte Qualitätsformate, die nur von Unternehmen mit entsprechenden Infrastrukturen und einschlägigem Knowhow hergestellt werden können. Es gibt für die Branche keinen Grund zum Ausruhen. Aber auch keinen Grund für Endzeitstimmung. Alles ist in Bewegung.

Ihre Ansprechpartnerin

Nicola Sernow

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