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WinterCampus 2015 - Symposium zur digitalen Medien- und Handelszukunft zeigte neue Wege und Geschäftsmodelle

Am 27. Februar 2015 fand mit dem Wintercampus in der Siemensvilla in Berlin-Lankwitz bereits zum vierten Mal ein hochkarätig besetztes Symposium zur digitalen Zukunft von Medien- und Handelsunternehmen statt. Unter dem Titel „eFuture: analog & digital“ diskutierten Referenten und Teilnehmer über die Auswirkungen der digitalen Transformation von Geschäftsprozessen. Veranstalter war die BSP Business School Berlin in Kooperation mit den in der Hauptstadtregion führenden Branchennetzwerken media.net berlinbrandenburg und media.connect brandenburg. Das Symposium wurde moderiert von BSP-Rektor Prof. Dr. Thomas Thiessen.

Kritik an der digitalen Ersatzreligion

Zu Beginn der Veranstaltung betonte Prof. Dr. Daniel Salber, Professor für Medienpsychologie an der BSP, in seiner Keynote das Spannungsfeld zwischen Digitalem und Analogem. Zur Veranschaulichung hatte er eine 7''-Vinyl-Schallplatte und eine CD mitgebracht. Während das analoge Medium samt gelegentlichen Rauschen und Knistern unperfekt sei, kenne die CD nur Nullen und Einsen, keine Zwischentöne. „Entweder ist alles da oder alles weg“, so Salber.

Der Anspruch der Digitalisierung sei es, eine „Welt ohne Schatten“ zu schaffen – keine Kratzer, keine Unperfektion, volle Funktionalität. Ein Gegensatz zur wirklichen Welt, die durchaus fehlerhaft sei und von einem Zustand der Perfektion weit entfernt. „In jenem Moment, in dem Facebook-Freunde wichtiger werden als reale Beziehungen, findet eine Entwertung der Realität statt“, bringt Salber seine Kritik an der digitalen Ersatzreligion auf den Punkt.

Immerhin hat bereits Adorno die These aufgestellt, dass die Kehrseite des Fortschritts die Regression sei. Um diese Theorie zu untermauern, präsentierte Prof. Dr. Salber mehrere Image- und Produktvideos, die den Einpark-Assistenten einer großen Automarke zeigen oder die Zahnbürste, die das Putzverhalten aufzeichnet und über Bluetooth mit dem Smartphone verbunden ist. Die große Frage lautet, ob unser Denken mit der digitalen Veränderung Schritt halten kann. Eine Frage, die auch von Seiten der Teilnehmer durchaus kontrovers diskutiert worden ist. Der Tenor: Eine (gelegentliche) Rückbesinnung auf das Analoge ist wichtig! Prof. Dr. Salber schloss seine Keynote mit dem Fazit, dass digitale Wellen stets analog geerdet werden müssen.

Publishing analog & digital

Wer sich den fortschreitenden digitalen Wandel bewusst vor Augen führen möchte, muss sich heutzutage lediglich im öffentlichen Nahverkehr fortbewegen. Die Anzahl der Fahrgäste mit Tageszeitung oder Buch auf dem Schoss und jenen mit Tablet oder Kindle Reader hält sich die Waage. Diese Veränderung des medialen Konsumverhaltens hat unweigerlich einen bedeutenden Einfluss auf Geschäftsprozesse. Ein Wirtschaftsbereich, der von dieser Entwicklung besonders betroffen ist, ist das Verlagsgeschäft.

Zu diesem Thema führte Prof. Dr. Thiessen ein Gespräch mit der Literaturagentin Gudrun Hebel von der Agentur Literatur. Ihr zufolge müssen Verlage durch die Erfolgsgeschichte des eBooks zunehmend ihre Existenz gegenüber Autoren rechtfertigen. „Autoren fragen sich, wofür sie einen Verlag benötigen, wenn sie ihr eBook bei Amazon selber veröffentlichen können und im Gegenzug sogar einen höheren Anteil der Einnahmen erhalten.“ Self-Publishing ist das Stichwort. Häufig würden Autoren jedoch schnell merken, dass sie keine Zeit für den Vertrieb, die Bewerbung oder Aktivitäten auf den verschiedenen Social Media-Kanälen aufbringen können. „Das eBook ist lediglich eine Distributionsform. Für die Sichtbarkeit braucht es den Verlag!“ lautet das Fazit von Gudrun Hebel.

Besonders spannend ist die Frage, ob und inwiefern sich die inhaltliche Ausgestaltung des Kulturproduktes Buch durch das neue digitale Medium verändert. Vereinfacht ausgedrückt: „Schreibe ich als Autor anders, wenn ich das Endprodukt als eBook veröffentliche?“ Gudrun Hebel ist der Ansicht, dass die Art und Weise, wie ein Autor schreibt, sich durch die Art der Veröffentlichung nicht verändert. Fakt ist allerdings, dass gebildete Leser und hohe Literatur mit dem eBook als Format nicht zu erreichen sind, sondern die klassische Papierform bevorzugen. Reine eBook-Verlage erreichen eine andere Zielgruppe als Verlage, die schwerpunktmäßig auf das analoge Medium Buch setzen.

Entertainment analog & digital

Die Lesegewohnheiten sind nicht die einzige Form des Medienkonsums, die sich durch die Digitalisierung verändert. Auch der Musikkonsum und das Hörverhalten der Menschen haben sich in den vergangenen Jahren einem Wandel unterzogen.

Anschaulich wird dieser Prozess am Beispiel des Radios, das nicht länger nur ein Gerät ist, das irgendwo in der Ecke des Raumes steht. Mona Rübsamen, Gründerin des Berliner Radiosenders FluxFM, bezeichnet ihren Sender konsequenterweise als „crossmediales Unternehmen, in dem das Radio immer noch stark verankert ist.“ Der Anspruch ist es, ein Gesamtprogrammangebot zu bieten, in dem der Hörer eine geistige Heimat findet. Ob Konzerte, Partys und Lesungen im eigenen Veranstaltungsraum, YouTube-Videos von und mit Hörern, Online-Playlisten oder Social Media-Aktivitäten – in der Programmplanung werden analoge und digitale Medienformate miteinander kombiniert.

Mit Stefan Zilch war zudem der Geschäftsführer eines Unternehmens anwesend, das die Musikindustrie in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat. Seitdem Spotify auf dem Markt in Erscheinung getreten ist, verlieren physische Datenträger zunehmend an Bedeutung. Auch der durchschlagende Erfolg von iTunes hat dafür gesorgt, dass der Besitz von Musik nebensächlich geworden ist. „Ob ich Musik als Datei auf meinem Laptop habe oder über Spotify streame, spielt für den Hörer keine Rolle.“ Piraterieplattformen haben die Bereitschaft der Kunden zunichte gemacht, für Musik Geld zu bezahlen. Warum zahlen, wenn nahezu jedes Album zwei Mausklicks entfernt kostenlos zur Verfügung steht, denken sich viele Nutzer.

Der Absatz von Musikalben (physisch und digital) hat sich in den USA seit 2007 halbiert (von 500 Mio. auf 260 Mio. Alben). Das Wachstum von Streaming hingegen ist ungebrochen. Spotify kann mittlerweile weltweit auf 60 Millionen Nutzer verweisen, von denen jeder Vierte über einen Bezahlaccount verfügt. Während vielfach über eine Krise der Musikindustrie philosophiert wird, sei der Trend in jenen Ländern positiv, in denen der Streaminganteil hoch ist, so Zilch. Als Beispiel nennt er den skandinavischen Markt, in dem eine hohe Affinität gegenüber digitalen Medien herrscht.

Commerce analog & digital

Es mag nicht weiter verwundern, dass auch das Einkaufsverhalten vom digitalen Wandel beeinflusst wird. 94 Prozent der Internetnutzer über 14 Jahre kaufen online ein oder informieren sich vorab über Produkte und Dienstleistungen.

Ralf Müller hat 2011 einen Onlineshop ins Leben gerufen, in dem ausschließlich Produkte der italienischen Segelmarke SLAM verkauft werden. Der Umsatz wächst stetig und Kunden aus allen Teilen der Welt bestellen mittlerweile im SLAM-Shop. Trotz des Erfolgs ist Ralf Müller in den vergangenen Jahren zu der Schlussfolgerung gelangt, dass die reine Konzentration auf das Onlinegeschäft nicht ausreicht: „Die Leute möchten etwas zum Anfassen und Anprobieren sowie die persönliche Beratung, die über einen Onlineshop schlicht nicht möglich ist.“ Aus diesem Grund hat er in Potsdam eigens einen Showroom eingerichtet, in dem potentielle Kunden nach vorheriger Absprache vorbeikommen können, um sich persönlich ein Bild von den Produkten zu machen. Auch die Einrichtung von so genannten Flagship Stores ist mittlerweile angedacht. Diesen Weg schlagen immer mehr reine Onlineshops ein, selbst Amazon experimentiert mit stationären Geschäften und Zalando verfügt über einen eigenen Outlet Store in Berlin.

Als Zahlungsarten bietet Ralf Müller seinen Kunden Vorkasse, Kreditkarte und PayPal an, das der Rechnung den Rang als beliebteste Zahlungsart mittlerweile abgelaufen hat. Für Onlineshopbetreiber ist das Angebot der passenden Zahlungsoptionen ein grundlegender Faktor für den Erfolg der eigenen Unternehmung. Mit Florian Swoboda von Barzahlen und Manuel Prinz von Paymentwall waren im abschließenden Slot zwei ausgewiesene Payment-Experten anwesend.

Zu Beginn wurde betont, dass die Zahlung über Onlineanbieter noch nicht derart im Mainstream angekommen ist, wie das bei Streaming oder eBooks der Fall ist. Lediglich 44% der deutschen Internetnutzer verwenden Onlinebanking und nur knapp ein Drittel sind überhaupt in Besitz einer Kreditkarte. Die Skepsis in Bezug auf die Sicherheit der eigenen Daten und mögliche Betrugsversuche wie Phishing ist nach wie vor groß. Insbesondere der Bereich „Mobile Payment“ ist ein Wachstumsmarkt. Für das Jahr 2020 werden in Deutschland 11 Millionen Nutzer von mobilen Bezahlsystemen prognostiziert. Visionen von einer Welt ohne Bargeld sind an einigen Orten bereits in die Realität umgesetzt worden. So bieten Supermarktketten in Südkorea z.B. das Bezahlen über Smartphone und QR-Code an und in Berlin startete PayPal ein Pilotprojekt, in dem Gäste in einem Café ihren Kaffee über die entsprechende App bezahlen können.

Fazit des Wintercampus 2015

Die Veranstaltung hat deutlich vor Augen geführt, wie weit der digitale Wandel in den letzten Jahren klassische Geschäftsmodelle verändert hat. Die digitale Dominanz zwingt zum Umdenken in vielen Bereichen. Eine Entwicklung, die zahlreiche Teilnehmer mit Optimismus gegenüber den neuen Chancen und zugleich mit einem Gefühl von Skepsis und Überforderung kommentierten. Auch wenn viele Menschen sich mittlerweile in der digitalen Welt heimisch fühlen und sicher bewegen, scheint eine Rückbesinnung auf das Analoge eine Art „Gegenbewegung“. Digitale Geschäftsmodelle greifen zunehmend. Zugleich erlebt der analoge Kundenkontakt in der Medien- und Handelswelt eine Renaissance, so der Eindruck vieler Teilnehmer.

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