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Kreative Ideen suchen Marktplatz: Dialogforum Kreatives Brandenburg

Zweites Dialogforum Kreatives Brandenburg zum Thema „Gestaltung“.

Wie können Künstler, Kreative und mittelständische Unternehmen in einer ländlichen Region wie der Uckermark zusammenkommen, gemeinsam Innovationen und neue Wertschöpfungsmodelle entwickeln und die Möglichkeiten des digitalen Wandels nutzen? Um darauf Antworten zu finden, hat die Mittelstand 4.0 Agentur Kommunikation in Trägerschaft der BSP Business School Berlin am 30. Juni rund 40 Künstler, Tourismusexperten, Werbefachleute, Galeristen und Landwirte ins uckermärkische Boitzenburg zum zweiten Dialogforum Kreatives Brandenburg geladen. Unterstützt wird die Veranstaltungsreihe vom Brandenburger Wirtschaftsministerium, Moderator ist der Rektor der BSP, Thomas Thiessen. Eine erste Veranstaltung dieser Reihe Mitte Juni in Heiligengrabe (Ostprignitz-Ruppin) zum Thema Kunstmarkt hatten etwa 60 Kulturschaffende und Mittelständler besucht. Ein weiteres Forum, das sich der Kommunikation widmet, ist für September geplant.

 

Für die Grafikdesignerin Ulrike Hesse haben die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung die Arbeit in ihrer Berliner Werbeagentur Coxorange Kreative Gesellschaft deutlich erleichtert. Zugleich aber sei vieles komplizierter geworden. „Das System hat sich beschleunigt. Wenn morgens eine Kundenanfrage per Email bei uns eintrifft, müssen wir mittags schon antworten.“ Die Wünsche ihrer Kunden, darunter große Organisationen, wie die Johanniter Unfallhilfe und die Diakonie, seien durch die Digitalisierung anspruchsvoller geworden. „Jeder kann mit dem Smartphone gute Bilder schießen. Das Bildangebot wird dadurch viel größer“, sagt die Werbefachfrau und fügt hinzu: „Und die Gestaltung schwieriger.“

Neben ihrer Agentur betreibt Hesse seit 2014 mit ihrem Mann den „Gasthof zum grünen Baum“ in Boitzenburg. Angeboten werden regionale Speisen und südländische Köstlichkeiten. In einem „Landkonsum“ können Kunsthandwerk und regionale Produkte wie Shampoos, Apfelweine, Liköre, Brände und verschiedene Senfarten erworben werden.

Dass auch im Internetzeitalter die Gestaltung eines Produkts oft über seinen Absatz entscheidet, schilderte Pieter Wolters, Geschäftsführer der Q-Regio Handelsgesellschaft aus Uckerland. So seien Produkte eines regionalen Fruchtaufstrich-Herstellers erst nach der Neugestaltung des Etiketts mit einem großen Abbild der jeweiligen Frucht in den Vertrieb aufgenommen worden. „Der Kunde im Supermarkt entscheidet in kurzer Zeit, ob ein Produkt lecker aussieht und er es kauft.“ Der niederländische Landwirt, der vor einigen Jahren nach Brandenburg kam, vertreibt rund 900 Produkte von etwa 70 Lebensmittelherstellern. „Dabei achten wir möglichst auf Produkte, die nicht in den Regalen der Lebensmittelketten stehen“, sagt Wolters.

Q-Regio unterhält drei Hofläden in Prenzlau, Potsdam und Berlin. Die im firmeneigenen Internetshop bestellten Waren werden regional über das Busnetz der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft UVG vertrieben. Die in einer Kühlbox verstauten Waren bringt der Linienbus an eine bei der Bestellung festgelegte Haltestelle, wo sie der Endkunde abholt. Für die Zukunft kann sich Wolters eine Vernetzung von Q-Regio mit Gastronomie, Kultur und Tourismus vorstellen, „wenn alles weiterhin gut verläuft“, wie er hinzufügt.

Über Wolters Vertriebsnetz hat der Chef des Ökodorfes Brodowin, Ludolf von Maltzan auch nachgedacht, will es aber nicht kopieren. Er setzt auf den persönlichen Kontakt mit den Kunden, die durch einen eigenen Vertrieb in Berlin, Potsdam, Königs Wusterhausen und Umgebung wöchentlich bis vor die Wohnungstür mit hochwertigen Lebensmitteln beliefert werden. Über einen klassischen Hofladen und das Internet werden rund 2000 Naturprodukte vertrieben.

Zwei Wochen nach Erhalt ihrer Bestellung werde mit den Neukunden telefoniert, um zu erfahren, wie zufrieden sie mit den Produkten seien. Ziel des vor 26 Jahren aus einer LPG hervorgegangenen  Ökodorfes ist es, die Naturlandschaft um Brodowin zu schützen und Arbeitsplätze zu erhalten, wie Maltzan erläuterte. Und tatsächlich habe die Arbeitslosenquote in Brodowin seither nie höher als fünf Prozent gelegen. Heute fußt der Betrieb mit rund 50 Beschäftigten und mehr als 50 Partnern, darunter Landwirte, Bäcker, Konditoren, Tierhalter und Fischer, Maltzan zufolge auf den drei Säulen Landwirtschaft, Verarbeitung und Vertrieb. Offeriert werden auch Ferienwohnungen. Veranstaltungen wie Buchlesungen mit Abendessen lockten im Vorjahr rund 70 000 Besucher an.

Beispiele für erfolgreiche Digitalisierungen in der Gesundheitswirtschaft lieferte Kurt Schmailzl, Chefarzt an den Ruppiner Kliniken. Er hält die Miniaturisierung für einen entscheidenden Schritt, um die Medizintechnik näher an den Menschen zu bringen. „Nirgends steht, dass man für ein EKG oder ein paar Laborwerte ins Krankenhaus gehen muss“, so der Kardiologe. Mit einem Forschungsinstitut in Thüringen und einer Medizintechnikfirma in Brandenburg habe das Krankenhaus ein Messgerät - ähnliche einem Hörgerät - entwickelt, das den Blutdruck eines Patienten über das Ohr auch von zu Hause messen kann. Per Handy werden die Daten an einen Rechner in der Klinik übermittelt und von Fachärzten ausgewertet.

„Wenn der Patient einen digitalen Begleiter akzeptieren soll, muss er ihn mögen. Dazu muss die Technologie miniaturisiert und digitalisiert werden.“ Die meisten älteren Menschen könnten ihre Hörgeräte nicht richtig bedienen, habe er im Krankenhaus beobachtet, sagt Schmailzl und fügt mit Blick auf die Gestaltung hinzu: „Da muss deutlich mehr Phantasie reingesteckt werden.“

Einer der Konsortialpartner des Projekts habe eine Software entwickelt, die aus dem Foto eines Blutstropfens ein komplettes Blutbild erkennt, wie der Mediziner weiter berichtete. Bei dem Projekt, an dem auch ein Fraunhofer-Institut und der Softwarekonzern Microsoft beteiligt sind, bleibe der Patient Herr seiner Daten. „In Berlin ist ein solches Verfahren vielleicht nicht der Hit, in Tansania ist das ein anderer Fall“, so Schmailzl.

In den anschließenden zwei Diskussionsrunden ging es auch um die Frage, wie sich ein Interaktionsraum für Kreative und Unternehmer schaffen lässt, der aus flüchtigen Beziehungen Nachhaltigkeit entstehen lässt. Teilnehmer äußerten immer wieder den Wunsch nach einem ständigen Forum, auf dem sich die Akteure begegnen und gegenseitig inspirieren können. „Es gibt so viele Einzelinitiativen, wo jeder vor sich hin wurschtelt. Der eine ist gegen den Hühnerstall, der andere gegen die Autobahn, ein Dritter will mehr Kunst. Aber alle wollen mehr Lebensqualität. Es fehlt ihnen ein gemeinsamer Marktplatz“, formulierte es ein Redner.

Mit einem solchen Forum könnten sich auch die in den Dörfern übers Wochenende anreisenden Stadtbewohner besser mit den Einheimischen vernetzen, lautete ein weiterer Hinweis. In diese Richtung zielt das von dem Neuruppiner Künstler Jens Kanitz geplante Projekt „Ruppin-Siegel“. Wie Kanitz berichtete, will er eine digitale Plattform schaffen, auf der er von ihm ausgewählte Orte, Unternehmen und Personen präsentiert. Dabei sollen sich Einheimische wie Zugewanderte, Künstler, Mittelständler und Außenstehende aber auch über Standortvorteile, Veranstaltungen und Dienstleistungen in ihren Regionen informieren können.  

In vielen Dörfern Brandenburgs gibt es weder Supermärkte noch Kneipen. In solchen Regionen haben fliegende Händler oftmals die Versorgung mit Lebensmitteln übernommen. Ein Diskutant schlug vor, den Einkauf beim fahrenden Bäcker in seinem Dorf zum örtlichen „Marktplatz“ umzugestalten. So könne ein Unterstand schon dazu führen, dass die Einwohner, wenn der Bäckerwagen weggefahren ist, wieder mehr miteinander sprechen und den „Dorfschnack“ wenigstens zeitweise wiederbeleben.

Viele Anregungen der Diskussionsrunden sind Thiessen zufolge eine gute Vorlage für die geplante Anlaufstelle für die brandenburgische Kreativwirtschaft, die von den brandenburgischen Ministerien für Wirtschaft und für Kultur im Herbst ins Leben gerufen wird. „Wir brauchen dringend eine Verstetigung der Diskussionen und Vernetzungsansätze, die geplante Anlaufstelle könnte dazu eine sehr gute Plattform bieten“, so Thiessen. Die geplante Einrichtung soll brandenburgische Kultureinrichtungen und Kreativunternehmen zusätzlich dabei unterstützen, die neuen Fördermöglichkeiten auszuschöpfen. Insgesamt stehen bis 2020 mehr als acht Millionen Euro an Hilfen für die märkische Kreativwirtschaft bereit.

Autor: Manfred Rey


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Lisa Schimmelpfennig

Das BSP Magazin zum SoSe 2017