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Fit für die Zukunft - Dialogforum über Chancen der Digitalisierung für Kreative und Unternehmer

Von Manfred Rey

Die Galeristin Schnuppe von Gwinner kann sich ihre Arbeit ohne Internet kaum vorstellen. „Das Netz ist für mich ein sprudelnder Quell von Informationen“, sagt die Kunsthistorikerin, die einen Blog für europäische Handwerks- und Designkultur betreibt. Zehn Jahre lang hat sie in Hamburg erfolgreich eine Galerie betrieben und von dort aus viele Kunstprojekte im europäischen Ausland betreut, wie sie auf dem ersten Dialogforum Kreatives Brandenburg im Kloster Stift zum Heiligengrabe im Landkreis Ostprignitz-Ruppin berichtete.

Rund 65 Künstler, Galeristen, Mittelständler verschiedener Branchen und Tourismusexperten hatten sich am 15. Juni 2017 zu dem von der Mittelstand 4.0-Agentur Kommunikation veranstalteten und vom brandenburgischen Wirtschaftsministerium unterstützten Forum versammelt. Moderiert von Thomas Thiessen, dem Rektor der BSP Business School Berlin, sollten sich Kultur- und Kreativschaffende der Prignitz besser kennenlernen und mit dem regionalen Mittelstand Ideen entwickeln, wie die Möglichkeiten des digitalen Wandels genutzt werden können. Dieser Veranstaltung folgen in diesem Jahr zwei weitere Dialogforen.

Für Kuratorin von Gwinner ist das Web auch unverzichtbar fürs Marketing. „Keiner in München oder Salzburg würde über Honig aus der Prignitz reden, wenn es das Internet nicht gäbe“, ist sie überzeugt. Um sich in der Region besser kennen zu lernen, „brauchen die Kreativen ganz viel Digitalisierung“. Mit einem regionalen Netz könnten die Prignitzer Kulturschaffenden auch besser nach außen wirken. „Dann können sie sich analog besprechen, was sie digital vorhaben.“  

Auch für den Berliner Textilkünstler Uli Fischer, der viel in Ostasien herumreiste und einige Jahre in den USA lebte, ist das Netz sehr wichtig. Fischer benutzt für seine Objekte alte, gebrauchte Stoffe, die wie er sagt, „eine Geschichte haben“. Früher musste er viel reisen, um Material einzukaufen. „Dann habe ich gelernt, über digitale Plattformen im Internet Stoffe zu bestellen.“ Heute kommuniziere er mit einer Handvoll Anbietern. Seine Webseite sei seine Visitenkarte. „Und die muss professionell gestaltet sein.“

Vor einer einseitigen Konzentration auf das Internet warnte der Kurator und künstlerische Leiter des Brandenburgischen Kunstvereins Potsdam, Gerrit Gohlke. Die Digitalisierung habe zu einer Beschleunigung des Kunstmarktes und zur Schließung von Galerien geführt. Viel werde von der Internet-Plattform Instagram als Goldmine gesprochen, wo sich die Sammler wie Alligatoren die Kunstwerke schnappen. Gohlke hält das für „Quatsch“ und hält dagegen: „Wir setzen auf Kunst in realen Räumen, mit Wänden, an denen Bilder hängen“, sagt er und schließt mit seiner These: „Die Digitalisierung am Kunstmarkt ist so stark, wie der reale Ort, auf den sie sich bezieht.“ Die Kunst brauche daher „starke Ankerpunkte im realen Raum“.

Als Beispiel dafür verwies Gohlke auf die Gründung des Vereins „Kunst Freunde Pritzwalk“, der im Sommer 2014 spontan innerhalb des Projekts „Sieben Künste von Pritzwalk“ entstand. Künstler und Bürger der Stadt hatten in drei Monaten fünf Ausstellungen in einer Galerie organisiert, die eine große Zahl von Besuchern anzogen. 

BSP-Rektor Thomas Thiessen

Den Gedanken des Ankerpunktes griff Jungunternehmer Jo Thiessen auf, der sich mit seinem Start-up auch einen Kreativen nennt und die Digitalisierung für selbstverständlich hält. Eine Webseite aufzubauen, sei für ihn eine Sache von sieben Stunden. „Das Besondere bei Kreativen aber ist, dass wir eine Geschichte über unsere Produkte zu erzählen haben.“ Das könne man im Internet machen, „aber am Ende braucht diese Geschichte ein Zuhause“. Als er mit seinem Start-up begann, habe er sich voll auf das Onlinegeschäft konzentriert und einen „Hofladen“ abgelehnt. Doch erst richtig funktioniere sein Unternehmen, seit es ein Zuhause habe, wo die Kunden vorbeikommen und etwas anfassen könnten. „Kreative brauchen die Digitalisierung, um gehört zu werden. Aber am Ende braucht jede Digitalisierung auch ein Zuhause.“

Die „eigene Geschichte digital weiter zu schreiben“ ist auch Mirko Bickel, Gründer des Auktionshauses Bickel in Wittstock/Dosse, ganz wichtig. „Im Rahmen der Digitalisierung darf die eigene Vergangenheit nie vergessen werden“, riet der Auktionator. Über das Internet probiere er für bestimmte Artikel, die er anbiete, auch „andere Auktionsformen“ aus. So lasse sich die klassische holländische Aktion, bei der der Startpreis mit zunehmender Laufzeit der Versteigerung sinkt, auch in den digitalen Bereich übertragen.

Dass es in vielen Unternehmen ohne Kreative nicht geht, berichtete Kristin Wölk vom Marketing der Swiss Krono GmbH in Heiligengrabe. Der Laminathersteller müsse die Dekors in jedem Jahr wechseln. Neben Papierdrucken kämen dabei auch Möglichkeiten der digitalen Gestaltung zum Einsatz. „Die Künstler sind dabei frei in der Wahl ihrer Mittel“, so Wölk.

In zwei innovativ gestalteten Dialogrunden tauschten Teilnehmer der Veranstaltung anschließend ihre unterschiedlichen Sichtweisen darüber aus, wie sich kreatives Wirken in der digitalen Gesellschaft entwickelt. Dabei ging es auch um die Frage, was Künstler und Unternehmen voneinander lernen können und wie sie sich im Spannungsfeld einer mehr kreativen oder eher betriebswirtschaftlichen Sicht vernetzen und gemeinsam profitieren können. Auch wurde darüber diskutiert, wie sich neue Netzwerke und Wertschöpfungsmodelle entwickeln können, um den ländlichen Raum aufzuwerten. 

Ein Vorschlag zielte darauf, einen gemeinsamen Ort ins Leben zu rufen, an dem sich Künstler und Unternehmer gegenseitig inspirieren - etwa um neue Formen der Produktpräsentation zu entwickeln. Das galt nicht nur für Gewerbe, wie die Metallverarbeitung, sondern beispielsweise auch für die Gastronomie. Weitere Ideen reichten von der Schaffung einer Steuerumlage für Kunst am Bau bis hin zur Einrichtung konkreter Netzwerkplattformen für Kulturschaffende und Mittelständler. 

Um die heimische Kreativwirtschaft zu unterstützen, will die Landesregierung eine Agentur ins Leben rufen, wie der für Wirtschaftsförderung zuständige Abteilungsleiter im brandenburgischen Ministerium für Wirtschaft und Energie, Gerhard Ringmann, ankündigte. Mit mehr als acht Millionen Euro sollen Beratungs- und Coaching-Leistungen für Kultureinrichtungen und Kreativunternehmen finanziert und Einzelprojekte auf den Weg gebracht werden. Sieben Millionen Euro kommen aus dem Europäischen Sozialfonds ESF, mehr als eine Million Euro schießt das Land hinzu. 
Die Agentur soll im Herbst ihre Arbeit aufnehmen. 

Ihr Ansprechpartner

Prof. Dr. Thomas Thiessen

Ihre Ansprechpartnerin

Lisa Schimmelpfennig

Das BSP Magazin zum SoSe 2017