Der vierte Campus Talk stand ganz im Zeichen der Frage, wie psychologische Prozesse Leistung, Entwicklung und Teamkultur im Fußball prägen – und was Trainer*innen konkret tun können, um mentale Stärke im Alltag zu fördern. Prof. Dr. Andreas Marlovits verband dabei wissenschaftliche Grundlagen mit eindrücklichen Beispielen aus dem Profifußball und eröffnete den Teilnehmenden einen praxisnahen Blick auf die Arbeit eines Sportpsychologen im Spannungsfeld zwischen Trainerteam, Mannschaft und Umfeld.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf Marlovits’ Ansatz der morphologischen Psychologie. Er zeigte, wie sich innere Erlebenswelten, Stimmungen und Bedeutungszuschreibungen auf Verhalten und Leistung auswirken – und warum es in der Praxis häufig weniger um „Techniken“ als um Verstehen, Einordnen und Übersetzen geht: zwischen Einzelnen, Gruppen und verschiedenen Logiken im System Fußball.
Sehr anschaulich wurde dies durch seine Schilderung der Mittlerrolle als Psychologe zwischen einem stark perfektionistisch geprägten Trainer und einer Mannschaft, die sich zunehmend weniger traute, Verantwortung zu übernehmen und mutig zu spielen. Marlovits verdeutlichte, wie psychologische Arbeit hier helfen kann, Kommunikationsmuster zu erkennen, Erwartungen zu klären und eine Atmosphäre zu schaffen, in der Spieler wieder handlungsfähig werden – nicht durch „Motivationssprüche“, sondern durch gezielte Beziehungsgestaltung, Vertrauen und eine veränderte Fehler- und Rückmeldekultur.
Besonders eindrücklich war auch sein Bericht aus der Zeit beim VfL Wolfsburg, als die Mannschaft nach dem Tod eines Mitspielers mit Schock, Trauer und emotionaler Überforderung umgehen musste – und dennoch kurze Zeit später in die Vorbereitung auf ein Spiel gegen den FC Bayern ging. Marlovits schilderte, wie in einer solchen Ausnahmesituation Stabilität hergestellt werden kann: durch Raum für Emotionen, strukturgebende Rituale, klare Kommunikation und die schrittweise Rückkehr in Handlungsroutinen. Deutlich wurde dabei, dass psychologische Unterstützung nicht nur leistungsorientiert ist, sondern vor allem auch menschlich – und damit eine zentrale Voraussetzung dafür, in Krisen überhaupt wieder leistungsfähig werden zu können.