Autor:innen: Tabea Nalik, Kristina Bodrožić-Brnić
Unter dem Titel Legal Disruption Conference 2025 – Legal Tech & Metaverse fand am 20. November 2025 im Konzertsaal der Siemens Villa in Berlin eine Konferenz statt, die sich den jüngsten Entwicklungen im Zusammenspiel von juristischer Praxis und digitalen Technologien widmete. Der Fokus wurde dabei bewusst nicht allein auf das vieldiskutierte Thema KI gesetzt, sondern auf immersive Technologien und virtuelle Welten erweitert. Unterstützt von Speaker:innen mit sehr unterschiedlichen Ansätzen aus Praxis und Wissenschaft ging die Veranstaltung der Frage nach: Welche Technologien verändern die juristische Praxis jenseits von Large Language Models?
Ziel der Konferenz war es, ein Forum zu schaffen, das den Austausch zwischen verschiedenen Disziplinen ermöglicht und unterschiedliche Perspektiven auf den technologischen Wandel des “Rechtsmarktes”, der juristischen Praxis und der rechtswissenschaftlichen Ausbildung sichtbar macht. Vor dem Hintergrund der enormen Effizienzsteigerung durch KI – ausgelöst insbesondere durch den Durchbruch großer Sprachmodelle – zeigte sich, dass juristische Debatten häufig stark theoretisch geführt werden und praktische Anwendungen zu kurz kommen. Daher verfolgte die Tagung einen bewusst praxisorientierten Ansatz. Sie sollte den Teilnehmenden die Möglichkeit geben, technologische Entwicklungen nicht nur zu diskutieren, sondern auch selbst auszuprobieren und kritisch einzuordnen.
Die Konferenz wurde organisiert vom Institute for Digital Transformation and Innovation der BSP Business and Law School in Kooperation mit dem Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Martin Fries und Kristina Bodrožić-Brnić.
Die Konferenz wurde musikalisch von der ghanaischen Sängerin Susan Augustt und ihrer Band umrahmt.
Programm-Highlights
Die Konferenz begann mit einer Keynote von Marco Klock, CEO & Co-Founder der Legal Tech-Verbraucherrechtskanzlei rightmart. Der Vortrag skizzierte eindrucksvoll, wie tiefgreifend die Digitalisierung den Rechtsmarkt bereits verändert hat und in welchem Maße Sprache – als zentrales Medium juristischer Arbeit – inzwischen automatisierbar geworden ist. Ausgehend von der Erkenntnis, dass durch die Ausbreitung virtueller Realitäten wie Metaverse sowie voranschreitend selbst denkender Verträge bereits heute wesentliche Teile juristischer Arbeit von Technologien übernommen werden, stellte sich die Frage, worin künftige Juristinnen und Juristen eigentlich noch ausgebildet werden müssten: Entwickelt sich ihre Rolle gar hin zu einer von Entwickler:innen? Jedenfalls ist unausweichlich, dass sich das Berufsbild im Rechtsmarkt verändert: Juristisches Fachwissen verliert als exklusives Gut an Bedeutung, während die Fähigkeit, Systeme zu gestalten, Daten zu verstehen und digitale Prozesse zu überwachen, immer wichtiger wird.
Die anschließende Paneldiskussion vertiefte diese Themen aus Sicht unterschiedlicher Institutionen. Dr. Kuuya Chibanguza, Fachanwalt für internationales Wirtschaftsrecht bei der Luther Lawfirm, Gesine Irskens, Referatsteilleiterin IT-Referat des Niedersächsischen Justizministeriums, Ines Maria Tacke, KI-Trainer und und Projektmanagerin Recht im Mittelstand-Digital Zentrum Chemnitz, Prof. Dr. André Lucenti Estevam, Partner bei Huck Otranto Camargo in São Paulo und Marco Klock diskutierten, wie sich Arbeitsprozesse durch neue Technologien wandeln und welche Herausforderungen sich daraus für die juristische Ausbildung ergeben. Angesprochen wurden unter anderem Risiken einer unreflektierten KI-Nutzung – etwa durch „Schatten-KI“, wobei sensible berufliche Daten über private Accounts an KI-Anwendungen weitergegeben werden.
In den Deep Dive Sessions wurden dann spezifische Themen noch einmal vertieft. Ein Vortrag zur KI in der Justiz von Ines Tacke gab einen Überblick Grenzen Möglichkeiten und Herausforderungen des KI-Einsatzes in der Rechtspflege. Dabei wurde hervorgehoben, dass allein schon aufgrund der verfassungsrechtliche geschützten richterlichen Unabhängigkeit KI allenfalls unterstützende, nicht aber ersetzende Funktionen übernehmen darf. Gleichzeitig wurde gezeigt, wie groß das Potenzial für effizientere Abläufe in der Justiz ist, etwa bei der Vorstrukturierung von Akten, Übersetzungsleistungen oder der Identifikation von Mustern in Entscheidungen. Weitere Beiträge stellten Innovationsräume wie das Legal Tech Colab über Priscila Rios vor, das Start-ups mit Infrastruktur, Coaching und Netzwerken unterstützt, sowie Überlegungen zur Frage, wie KI die gesellschaftliche Akzeptanz gerichtlicher Entscheidungen verändert, und André Lucenti Estevam fragt danach, welche Auswirkung „schnelle Ergebnisse“ durch KI im Gerichtssaal haben können, und fragt, wie wir bei der rasanten technologischen Entwicklung noch Qualität im Gerichtssaal sichern können.
Sehr lebhaft waren die interaktiven Demo-Session und die anschließenden Innovation Pitches, wo verschiedene Förderprojekte und Start-ups ihre Technologien vorstellten und mit Besucher:innen in Interaktion traten. Gesine Irskens sorgte mit ihrem Entwicklungsprojekt CourtnAI für großes Staunen. Mit dieser Lösung bringt Niedersachsen das Referendariat in die virtuelle Realität – Referendar:innen üben künftig mit VR-Brille und dem Zeugenavatar Manni Maulwurf realistische Vernehmungen, Verhandlungen und Prüfungen. Dan Riley, Co-Entwickler von Resol-VR bei Spearhead Interactive präsentierte realitätsnahe VR-Rekonstruktionen von Verkehrsunfällen, die künftig zur Beweisaufnahme eingesetzt werden könnten. Dan Blinstein von Koviko zeigte ein System zur KI-gestützten Erfassung und Vermittlung von Erfahrungswissen in Unternehmen. Sven Bliedung von der Heide von Volucap gab spannende Einblicke in volumetrische Filmtechnologien und die zunehmende Rolle digitaler Menschen in Medienproduktionen, einschließlich rechtlicher Herausforderungen. Dr. Christian Stein von Playersjourney stellte VR-basierte Lern- und Konfliktlösungsformate vor, die sowohl für Schulen als auch für Wirtschaftsmediationen eingesetzt werden. Jonas Erhard von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zeigte, was Mixed-Reality und Co-Creation für multiple Lernszenarien bedeutet. Impulsgeberin und Medienkünstlerin Anke Schiemann verdeutlichte mit ihren XR-Arbeiten Survival Machines und CURRENT, dass wir nicht nur menschzentriert, sondern auch naturzentriert entwickeln müssen, weil wir künftige Generationen von Leben und deren Rechte schon jetzt mitdenken müssen. Themen wie Legal Tech und Verantwortung für nachhaltige Entwicklungsszenarien gehören ganz klar zusammen. Die Vielfalt der hier vorgestellten Projekte macht schnell deutlich, wie breit das Spektrum potenzieller Einsatzfelder ist.
Zentrale Erkenntnisse der Konferenz
Aus den Diskussionen und Vorträgen zeichnete sich ein klares Bild: Der Rechtsmarkt befindet sich mitten in einem technologiegetriebenen strukturellen Wandel, der weiter an Dynamik gewinnt. Insbesondere im Verbraucherrecht ist eine weitreichende Automatisierung vieler Arbeitsschritte bereits Realität. Digitale Systeme übernehmen zunehmend Aufgaben, wodurch der direkte Kontakt zwischen Mandantinnen und Mandanten sowie Anwältinnen und Anwälten abnimmt. Für qualitative Bewertungen, komplexe Einordnungen und verantwortungsvolle Entscheidungen bleibt der menschliche Faktor jedoch weiterhin unverzichtbar.
Auch in der juristischen Ausbildung gewinnen immersive Technologien zunehmend an Bedeutung. VR-gestützte Lernszenarien eröffnen neue Möglichkeiten, etwa zur praxisnahen Schulung von Gesprächsführung, Verhandlungsstrategien und emotionaler Kompetenz.
In der juristischen Praxis wurde ein erhebliches Potenzial für Effizienzsteigerungen identifiziert. Gleichzeitig stellt der sichere, verantwortungsvolle und verfassungskonforme Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine zentrale Herausforderung dar.
Über alle Programmpunkte hinweg wurde deutlich, dass auch die rechtswissenschaftliche Aussbildung weiterentwickelt werden muss. Die einhellige Einschätzung lautet: An KI wird künftig niemand vorbeikommen. Entscheidend wird weniger reines juristisches Faktenwissen sein als vielmehr die Fähigkeit, technische Systeme zu verstehen, mitzugestalten und kritisch zu reflektieren.
Ausblick
Die Legal Disruption Conference 2025 hat gezeigt, wie wichtig es ist, den Austausch zwischen Forschung, Entwicklung und unternehmerischer Praxis zu intensivieren. Der Wandel des Rechtsmarkts kann konstruktiv gestaltet werden, wenn sich möglichst viele Akteur:innen aktiv einbringen. Die Konferenz versteht sich daher als Auftakt zu einer längerfristigen Vernetzungsinitiative, zu der Forschende, Studierende und Praxispartner:innen gleichermaßen eingeladen sind. Deshalb möchte die BSP auch in zwei Jahren eine weitere Konferenz im selben Themenfeld realisieren und freut sich auch jetzt schon über Beitragsvorschläge (diese bitte richten an Prof. Dr. Martin Fries oder Dr. Caroline Menezes).
